AI Präsentationen 2026 - Ein Realitätscheck
Drei Versuche, Präsentationen mit AI zu erstellen: HTML-Slides, Marp und Slidev im Vergleich. Was funktioniert, was nervt und warum der Workflow wichtiger ist als das Tool.
Meine Beziehung zu Präsentationen ist eine klassische Hass-Liebe.
Ich liebe es, sie zu halten. Mir vorher zu überlegen, welche Storyline die Aufmerksamkeit bindet und am effektivsten die Punkte übermittelt, die ich in den Köpfen der Zuhörerschaft pflanzen möchte, bereitet mir ernsthaft Freude. Ich genieße es, die Reaktionen zu fühlen und meinen Vortrag kontinuierlich anzupassen.
Sie zu erstellen, ist im Gegensatz dazu schon immer der Part gewesen, den ich versucht habe zu vermeiden. Leider mit mäßigem Erfolg: ich kann nicht beziffern, wie häufig ich schon nachts fluchend vor einer Präsentation saß, um "Kunstwerke" aus kleinen Formen, Bildern und Textblöcken millimeterweise zu verrücken, weil ich diese ToDo mal wieder vor mir hergeschoben habe.
Naturgemäß war Präsentationserstellung ungefähr das erste, das ich durch AI zu ersetzen versuchte, gab in der wilden Anfangszeit sogar mal rund 200€ für ein entsprechendes Tool aus. Doch überall dasselbe ernüchternde Ergebnis: Die resultieren Präsentationen hätten wenn überhaupt das Label AI-Slop verdient gehabt. Letzten Endes saß ich doch wieder da und klickte mich nachts durch Powerpoint.
In letzter Zeit werden mir nun wieder häufiger Tutorials auf die Timeline gespült, die Besserung versprechen. Tatsächlich gehen Erika und ich für unseren Community-Space "3rd Place" auf potenzielle Vermieter zu und benötigen eine Präsentation, die unser Vorhaben greifbar macht. Ich nutze das als Anlass, um der AI nochmal eine Chance zu geben.
Erster Versuch: HTML Slides mit Claude
Die meisten Tutorials empfehlen, mithilfe von AI (in meinem Falle Claude Code) HTML-Folien erstellen zu lassen. Tatsächlich ist das auch Claudes Antwort auf meine erste allgemeine Anfrage. Die Vorteile liegen auf der Hand: mit HTML lassen sich pixel-genau designte Oberflächen (wie bei Websites eben auch) erstellen. Das Dateiformat kann von jedem Browser angezeigt, aber auch recht einfach vor dem Versand in ein PDF konvertiert werden. Es ist kein gesondertes Abo notwendig, was gut passt, ich habe dort nämlich radikal ausgemistet.
Für das 3rd Place steht noch kein richtiges Design-System, weshalb ich erst noch eines erstellen muss. Claude übernimmt dazu die Designsprache des Knittingclub, der den Community-Space maßgeblich prägen soll, aus dem Quelltext der Website und erstellt mit der Arbeitsanweisung "verwandt, aber erwachsener" ein Design-Handbook für das 3rd Place. In dem Resultat meine ich zwar schon wieder die typischen Design-Muster von Claude zu erkennen, für diesen Anlass reicht es allerdings.
Für die Inhalte existieren bereits aus früheren Sessions einige Dateien zu unserem Flächenkonzept und der strategischen Ausrichtung, inklusive einer Outline für den Vermieter-Pitch, auf die Claude zugreifen kann. Aus diesen Informationen lasse ich einen ersten Entwurf erstellen, öffne ihn und: bin begeistert!
Die AI-Ernüchterung
Es sieht tatsächlich so aus, als hätte Claude mit einem einfachen Prompt die fertige Präsentation erstellt.
Nach dem WOW-Moment kommt aber auch recht schnell die AI-typische Ernüchterung. Dass die Texte stellenweise schlimm cringe und nach generischem AI klingen, ist zu erwarten. Manche Folien machen mit Blick auf die Storyline aber einfach keinen Sinn. Scheinbar hat sich Claude stellenweise von der Vorgabe verabschiedet, um eigene Ideen umzusetzen und Standardfolien zu bauen, die nicht in den Kontext passen. Nach der ersten Begeisterung fällt mir auf, dass ich vor einer zwar auf den ersten Blick beeindruckenden Präsentation sitze, die aber insgesamt wenn überhaupt mittelmäßig ist.
Früher wäre mir das noch während der Konzeptionierung aufgefallen, heute muss ich im "fertigen" Dokument weitreichende Anpassungen vornehmen. Dazu chatte ich für jede einzelne Änderung mit Claude. Einzelne Wörter könnte ich zwar noch gut in der HTML-File händisch austauschen, Designanpassungen unter Berücksichtigung der richtigen CSS-Werte und Klassen übersteigen dann aber doch meine Motivation. So gehe ich mit Claude zunächst die Struktur durch, dann durch jede einzelne Slide, als würde ich einem Praktikanten meine Änderungswünsche detailliert diktieren.

Das sind zugegebenermaßen keine Dealbreaker, sondern einfach Teile eines neuen Workflow, an den ich mich gewöhnen muss. Ich merke aber, dass mich das bei langen Präsentationen oder bei "lebenden" Präsentationen, die ich fortlaufend anpassen möchte, nerven wird. Ein einfaches Wegwerf-Pitchdeck hätte ich mit einem Template in G Slides schneller erstellt. Sinnvoll werden AI-HTML Slides dann für mich, wenn ich sie wieder verwenden und weiterentwickeln kann. Für meinen Anwendungsfall ist die händische Pflege entscheidend.
Zweiter Versuch: Marp
Auf der Suche nach einer Lösung für mein Bearbeitungs-Problem stoße ich auf einen GitHub Gist von Andrej Karpathy:
Marp is a markdown-based slide deck format. Obsidian has a plugin for it. Useful for generating presentations directly from wiki content.
Obsidian nutze ich bereits. Von dort aus Markdown-Text anzupassen und dadurch in Echtzeit Präsentationen zu bearbeiten, klingt nach exakt meiner Wunschvorstellung. Dieser Traum platzt, als der erste Versuch, die HTML-Folien in ein Marp-Format zu übersetzen und das Plugin zum Laufen zu bekommen in drei Bugs resultiert, von denen jeder für sich bereits das Plugin zum Absturz gebracht hätte. Nach Beheben der Bugs funktioniert das Plugin wie versprochen: wenn ich in Obsidian Text ändere, verändert sich in Echtzeit auch die Präsentation; allerdings mit erheblichen Einschränkungen. Marp ist sehr limitiert, wenn es um Foliendesign geht. Fließtext passt die Größe nicht an, sondern ragt über die Foliengrenze, manche Layouts können nur über extreme Umwege umgesetzt werden. Für schnelle interne Präsentationen sicherlich sinnvoll, für externe Pitchdecks mit Hochglanz-Anforderung nicht genug.
Dritte Idee: Slidev
Noch vor meiner Marp-Krise empfahl mir Rouven, ein Kontakt aus dem Netzwerk, Slidev als alternatives Framework. Ich nutze nun hoffnungsvoll die Gelegenheit, es auszuprobieren. Wie Marp verspricht es textbasierte Bearbeitung in Markdown-Files, allerdings mit mehr Designmöglichkeiten. Mit Slidev erstellte Präsentationen können sogar interaktive Elemente wie Übergänge, Effekte oder eingebettete Videos beinhalten. Layouts und häufig genutzte UI-Blöcke lassen sich abspeichern und simpel wieder verwenden.
Im ersten Versuch ignoriert Claude allerdings die Architekturanforderungen von Slidev und versucht, jede Folie wieder mit HTML darzustellen. Ich frage mich an diesem Punkt ernsthaft, warum ich nicht einfach bei HTML (oder G Slides) geblieben bin.
Nach einer weiteren Runde Debugging stehen dann tatsächlich acht Custom-Layouts sowie fünf Komponenten, darunter eine StatLive-Komponente, die Zahlen animiert hochzählt. Eine ReelFrame-Komponente für das Knittingclub-Video. Ken-Burns-Animation auf der Titelfolie. Zum ersten Mal sehe ich, wo sich das für mich hin entwickeln kann. Mit einfachen Textverweisen baue ich aus diesen Bausteinen Folien, die gut aussehen, interaktiv im Browser erscheinen und sich (in der Theorie) als saubere PDF exportieren lassen.







Die ersten Folien der fertigen Präsentation, erstellt mit Slidev
Ich sehe das Potenzial, dass man auf diese Weise sehr schnell gute Präsentationen erstellt und anpasst, wenn man erst einmal eine saubere Bibliothek aus Layouts und Komponenten gebaut hat.
Fazit
Ich merke, dass ich diesmal weiter komme, als bei meinen vergangenen Versuchen, Präsentationen durch AI-Unterstützung zu erstellen. Nüchtern betrachtet habe ich zwar drei Tage auf diese Experimente verwendet, um am Ende eine versandfertige Präsentation zu haben, die ich ansonsten in wenigen Stunden erstellt hätte, es fühlt sich aber so an, als könnte sich daraus ein Workflow ergeben, der mir klaren Mehrwert bietet.
Ich habe noch ein paar Experimente vor. Textbasierte Präsentationen eröffnen die Möglichkeit, sehr effizient mit AI Versionen zu erzeugen zu lassen, die vom individuellen Kontext des Empfängers abhängen. Eine Schnittstelle könnte so aussehen, aus dem Meeting-Transkript mit einem Kunden automatisch die Präsentations-Basis abändern zu lassen, damit sie die soeben besprochene Bedürfnishaltung des Gesprächspartners abdeckt. Zudem möchte ich weitere Medien ausprobieren und beispielsweise Präsentationen als individuelle Website hosten.
Letztendlich darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass AI-Präsentationen eine grundlegende Gefahr nicht beseitigen. Das ewige Basteln und Optimieren von Präsentationen hat schon immer gerne davon abgelenkt, worauf es beim Verkaufen eigentlich ankommt: in Kontakt mit dem Kunden zu treten. Dafür war noch nie die beste Präsentation notwendig.
Wenn ich reflektiere, wie gebannt ich stundenlang Claude bei kleinen Anpassungen zugeschaut habe, stelle ich fest, wie leicht es mir fiel, das zu vergessen.
Referenziert in diesem Artikel




