Privilegiert gründet es sich leichter
Willensstärke allein reicht nicht. Wer ohne Sicherheitsnetz gründet, geht eine grundlegend andere Wette ein als jemand mit gefülltem Kühlschrank bei den Eltern. Was das mit Privileg zu tun hat und was trotzdem möglich ist.
"Ich habe ein paar Ideen, die werde ich sicherlich bald umsetzen. Letzen Endes ist es ja nur eine Frage der Willensstärke, einfach anzufangen" spult mein Gesprächspartner auf der Feier eines Freundes die eingeübte Phrase mit einem verschwörerischen Lächeln runter. Er glaubt selbst nicht an das, was er gerade gesagt hat; es schmerzt ihn insgeheim sogar. Wenn es stimmen würde, dann hätte er schon längst seinen Traum umgesetzt und gegründet. An Willensstärke fehlt es ihm sicherlich nicht, an Können noch weniger: immer unter den Jahrgangsbesten, Empfänger begehrter Stipendien, aktiv in mehreren Gremien, von nicht wenigen sogar Sprecher. Was er alles erreicht hat, hat er sich selbst erarbeitet. Musste er auch, finanziell kann ihn die Familie des Erst-Akademikers nämlich nicht unterstützen. Und darin liegt die unangenehme Wahrheit begraben, die bei aller Startup-Romantik meist gekonnt vergessen wird.
Propaganda, um der Propaganda zu entfliehen?
Wir sind umgeben von der Annahme, dass es zwingend erstrebenswert ist zu gründen. Social Media Feeds sind voll von angeblich erfolgreichen Jungunternehmern, die dazu auffordern "aus dem Hamsterrad" auszubrechen. Selbst Verena Pausder gibt den Zuhörerinnen ihrer OMR-Keynote den Ratschlag mit "all-in zu gehen" und sich voll auf die eigene Idee zu stürzen, anstatt zögerlich zu sein.
Diese Haltung stößt auf offene Ohren: der "sichere" Weg des Angestelltenverhältnisses wirft nicht mehr die Gehälter ab, um den Lebensstil zu leben, den man sich für sich vorstellt, den man meint bei vorangegangenen Generationen gesehen zu haben und der uns überall als erstrebenswert beworben wird. Das Unternehmertum scheint die Lösung zu sein, diese Unzulänglichkeit zu durchbrechen, dem unterdrückenden System zu entfliehen und selbstbestimmt finanzielle Möglichkeiten zu erreichen.
Im Silicon Valley geht es so weit, dass sich Menschen in die Selbständigkeit stürzen, um mit schnellen Gewinnen noch rechtzeitig der drohenden "eternal servant class" zu entkommen. Der "ewigen Dienerklasse", die sie aufgrund der durch KI-beschleunigten, stetig wachsenden Vermögensschere befürchten.
Im Umkehrschluss suggerieren all diese Glaubenssätze, dass man selbst daran Schuld ist, wenn man nicht "aufwacht" und den offensichtlich richtigen Weg des Gründens wählt. Es nicht zu tun, wird auf vermeintliche Charakterschwäche zurückgeführt; "Du musst dich einfach trauen", heißt es dann. Interessanterweise meistens von Menschen, die selbst noch nie gegründet haben.
Dabei verschweigen sie eine unangenehme Wahrheit: die meisten GründerInnen sind wahnsinnig privilegiert.
Gründen ist eine Wette, die sich nicht viele leisten können
Gründen heißt auch immer, Risiken einzugehen. Man entscheidet sich für einen Berufsweg voller Wetten und Ungewissheiten. Risikofreudigkeit hängt nicht nur vom Mindset ab, sondern auch von der Realität, wie viele Risiken mit den eigenen Umständen vereinbar sind. Wie ertragbar sind die Konsequenzen, wenn man wirklich auf Null zurückfällt?
Wenn man dieser Fragestellung nachgeht, wird man feststellen, dass die meisten Gründer auf einem komfortablen Polster landen. Meist ein intaktes Elternhaus mit Platz auf dem Sofa oder Gästezimmer und einem gefüllten Kühlschrank. Ein Ort, an dem Wunden lecken kann, um von dort aus weiterzusehen.

Den Komfort eines Auffangnetzes hat man häufig nicht, wenn man selbst voll finanziell für sich verantwortlich ist. Noch weniger, wenn man finanzielle Verantwortung für andere trägt.
Verantwortung beschränkt sich dabei noch nicht mal nur auf das Finanzielle. Viele Menschen sind darauf angewiesen und/oder haben sich dafür entschieden, anderen wichtigen Bereichen des Lebens wie Familie, Gesundheit oder Pflege belastbar Zeit und Aufmerksamkeit einzuräumen. Es ist herausfordernd, das beruflich zu vereinen.
Dass die Selbständigkeit die notwendige Selbstbestimmtheit bietet, um die Lebensbereiche in Einklang zu bringen, kann sich als Irrglaube herausstellen. Auch wenn es der richtige Weg sein kann, ist man von Team-Mitgliedern, Investorinnen und Kunden meist fremdbestimmter als in jedem Angestelltenverhältnis.
Menschen, die mit dem Schritt in die Gründung hadern, verfügen also nicht zwangsläufig über das falsche Mindset. Häufig haben sie zumindest unterbewusst einen realistischen Blick auf die eigenen Umstände. Trotzdem soll sie das nicht automatisch abhalten.
Die Startposition verbessern
Ich selbst hätte meine letzte Firma nicht gegründet, wenn ich nicht von der ersten Sekunde an einen Investor an Board gehabt hätte. Dieses Privileg war mir so wertvoll, dass ich dafür mit vielen Anteilen bezahlt habe. Nicht jeder hat diesen Ausweg, auch wenn es für unsere Gesellschaft erstrebenswert wäre, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. Es gibt aber noch andere Wege, sich das Sicherheitsnetz zu bauen, das manche geschenkt bekommen. Ein paar davon konnte ich in meinem Umfeld beobachten.
Gemeinhin wird empfohlen, drei Monatsgehälter als finanzielles Polster vorzuhalten, bevor man voll und ganz in die Gründung startet. Eine Gründerin hat das noch erweitert und sich das Ziel gesetzt, erst drei Monatsgehälter Umsatz zu machen, bis sie ihr Anstellungsverhältnis zugunsten der eigenen Firma kündigt. Das kostet zwar Zeit und Energie und geht zu Lasten anderer Lebensbereiche, wirkte auf sie aber sehr motivierend in der Startphase und gab ihr Sicherheit.
Außerdem hat sie ihre Arbeitgeberin früh über ihren Gründungswunsch informiert. Das fühlt sich erst mal ungewohnt an, stellte sich aber als positiv für alle Beteiligten heraus: die Arbeitgeberin konnte sie länger halten und die Nachbesetzung belastbarer planen. Sie setzte ein Zeichen, dass Innovation gefördert wird. Es ergab sich sogar, dass das Produkt für einen Kunden interessant war, was seine Zufriedenheit gesteigert hat. Die Gründerin konnte im Einvernehmen die Stunden reduzieren und länger die finanzielle Sicherheit des Angestelltenverhältnisses auskosten.
In anderen Fällen haben solche Gespräche auch zu der Möglichkeit geführt, mit Unterstützung der Arbeitgeber auszugründen oder gemeinsame Geschäfte zu machen. Abseits dessen nehme ich immer wieder wahr, wie hilfreich gute Vorbereitung vor der Gründung ist, insbesondere in Bezug auf Administration und Versicherung. Eine freiwillige Arbeitslosenversicherung kann mit schon bisschen mehr als 50€ pro Monat in den ersten Jahren für viel innere Ruhe sorgen, weil man im Notfall auf ALG I (oder ähnliche Leistungen) zurückfällt. Gegensätzlich dazu habe ich Founder kennengelernt, deren Existenz durch hohe Nachzahlungen oder Strafen bedroht oder schlimmstenfalls vernichtet wurden. Ein frühes Gespräch mit einer Steuerberatung hilft, die Weichen für eine saubere Buchhaltung zu legen und diese Sorgen auszuräumen.
Natürlich möchte man schnellstmöglich bauen, wenn man sich zu einer Gründung entschieden hat und empfindet das alles als hinderlichen Ballast. Diese Versäumnisse holen einen aver zwangsläufig in mehrfacher Stärke ein. Wer kein Sicherheitsnetz hat, kann sich das schlicht nicht leisten.
Fazit:
Meine Überzeugung ist, dass jeder gründen sollte, der es sich aufrichtig wünscht. Dass dazu mehr als Willensstärke gehört, ist ein wichtiger Teil der Aufklärung.
Letzten Endes sind es die Check-ins mit sich selbst und seinem engsten Umfeld, die wirklich zählen. Welche Werte sind mir an dem Gedanken daran, selbstständig zu sein, wichtig? Wie sehr kann ich es tatsächlich beeinflussen, sie zu erhalten? Welche Lebensereignisse sind mir in den nächsten 10 Jahren wichtig? Laufe ich Gefahr, sie zu riskieren, falls mein Gründungsvorhaben scheitert?
Mir hat es sehr geholfen, früh das Gespräch mit meiner Partnerin zu führen. Ich legte ihr dar, dass ich aus Überzeugung selbständig bin, weil es mein Bedürfnis nach Freiheit und Selbstverwirklichung befriedigt; auf diese Werte habe ich Einfluss. Für unsere Beziehung bedeutet das, dass ich zeitlich und räumlich weitestgehend unabhängig bin, auch mal spontan etwas übernehmen oder sie mit Laptop auf eine Reise begleiten kann.
Worauf ich allerdings keinen belastbaren Einfluss habe, ist die finanzielle Entwicklung. Auch wenn ich wirtschaftlich ehrgeizig bin: im Vergleich mit jemandem mit Konzernkarriere könnte ich nicht belastbar eingrenzen, wann und in welcher Höhe das Gehalt für Wohneigentum oder sonstige Lebensschritte reicht.
Ich hätte es verstanden, wenn das nicht mit ihren Vorstellungen vereinbar gewesen wäre. Zum Glück teilt sie mein Wertesystem. Das offen zu formulieren, hat mir sehr viel Druck genommen.
Führen solche Überlegungen am Ende zu der Entscheidung nicht zu gründen, ist das auch nachvollziehbar. Kein Zeichen der Schwäche, ganz im Gegenteil: Eine bewusste Entscheidung gegen das Gründen ist bereits der Inbegriff einer selbstbestimmten unternehmerischen Verhaltensweise.