Was hat mich abgehalten?
Zwei Wochen nach meinem Exit kreisten neue Gründungsideen in meinem Kopf, aber die Gefühle blieben aus. Über Leidenschaft, Getriebenheit und die Frage, welcher Antrieb Gründer langfristig trägt.
In einem meiner ersten Artikel beschrieb ich die Situation, wie ich keine zwei Wochen nach meinem letzten Unternehmensverkauf wieder Gründungsideen hatte und sie mit einer unerwarteten Erkenntnis vor meinem Gesprächspartner auf einer Hochzeit in Italien ausbreitete (finde ihn hier).
Ich bemerkte zwei Sachen: dass ich gar keine Energie für etwas Neues habe und vor allem, dass ich auf meine überlegten Geschäftsideen gar keine Lust habe, auch wenn sie sinnvoll durchdacht waren.
In Bezug auf diese Passage erhielt ich eine Nachfrage, über die ich länger nachdenken musste.
Sie bezog sich darauf, ob ich das Gefühl, das ich in dieser Situation hatte, besser ausführen könne. Was genau hat mich zurückgehalten? Was genau hat diesen Zwiespalt zwischen Überzeugung und Rationalität ausgelöst? Wie hat es sich angefühlt und wie konnte das Gefühl so stark sein, dass es mich von den Gründungsvorhaben abgebracht hat?
Es fiel mir schwer, das damalige Bauchgefühl greifbar zu machen. Erst bei einem Mittagessen mit einem befreundeten Gründer vergangene Woche wurde mir die Antwort richtig bewusst und mir fiel auf, dass es mit einem anderen Thema verwoben ist, über das ich mir in letzter Zeit häufiger Gedanken mache.
Leidenschaft vs. Getriebenheit
Seit meinem Exit stelle ich mir die Frage, was Gründerinnen und Gründer eigentlich antreibt. Was bringt Menschen dazu, sich so entschlossen gegen die Wahrscheinlichkeit zu stellen; lange zurückzustecken für die kleine Chance, dass die Vision irgendwann Realität wird?
Ich habe zwei große Motivatoren ausgemacht: Leidenschaft und Getriebenheit. Ersteres lässt sich vermutlich damit beschreiben "für die Sache zu brennen". Man ist voller intrinsischer Motivation, begeistert sich für die tatsächliche Arbeit und ist davon überzeugt. Mein Lunch-Partner war gerade in dieser Situation, seit er eine neue Geschäftsidee verfolgt. Ich dagegen hatte gerade erst einen kleinen Rückfall in die Getriebenheit beendet, die mich nach meiner Rückkehr aus Australien ereilt hatte. Diesen Zustand würde ich mit "Kopf runter und durch; gegen alle Widerstände zum Ziel" verbildlichen. Dieser Antrieb kommt aus einem Schmerz heraus, den man lindern möchte. Unzufriedenheit mit der Situation oder mit sich selbst können solche Schmerzen sein. Meist ist dieser Modus davon geprägt, mit hartem Einsatz auf einen bestimmten Zustand hinzuarbeiten. Dort angelangt, so erhofft man sich, ist der Schmerz dann weg. Für viele wirkt der harte Einsatz auf dem Weg dorthin bereits schmerzlindernd.
Kann man ohne Leidenschaft erfolgreich werden?
Lange Strecken meiner Karriere war ich der Überzeugung, dass Leidenschaft regelrecht schädlich für wirtschaftlichen Erfolg ist. Ich befürchtete in ihr das Gegenteil von Rationalität. Stellte ich mir leidenschaftliche Gründer vor, dann waren es solche, die in Berlin Mitte beim Soja Latte selbstgefällig erzählen, dass sie Entrepreneure sind. Solche, die Luftschlössern hinterherjagen, anstatt einfach die harte Arbeit zu machen. Leidenschaft, so dachte ich, ist das, was von den wirtschaftlich wichtigen Themen ablenkt.
Getriebene Maniacs mit Trauma gesucht
Harry Stebbings hat aus dem Nichts einen der größten Business-Podcasts 20VC erschaffen und daraus einen über 500 Millionen Euro schweren VC-Fund gemacht. In einem Interview sagte er zu Business Insider
"Ich will kompromisslose Psychopathen"
und meint damit, dass er mit seinem Fund in Founder investiert, die einen besonderen Cocktail mitbringen: Selbstüberschätzung plus Unsicherheit, getrieben von innerer Unruhe und „deep trauma“.
Harry ist einer der Meinungsführer der europäischen Startup-Szene. Allein auf LinkedIn folgen ihm über 250.000 Menschen. Man kann davon ausgehen, dass das, was er öffentlich formuliert, den Konsens großer Teile der Branche trifft.
Ich muss ihm aufgrund meiner eigenen Erfahrung auch in gewisser Weise recht geben. Mir selbst haben solche Veranlagungen zum wirtschaftlichen Erfolg verholfen. Ich arbeitete besonders hart, um Gedanken zu unterdrücken; definierte meinen Selbstwert aus Leistung und Bestätigung von außen. Stieß ich an Grenzen, war ich sauer auf mich selbst und versuchte mit innerer Härte, durch sie zu brechen.
Statistisch mag das für einen VC Investor Sinn ergeben. Heute halte ich es dennoch für falsch, den eigenen Antrieb aus Verletzungen zu ziehen.
Niemand ist detailverliebter als ein Mensch mit Leidenschaft
Ich liebe den Herbst in den Bergen, wenn der Nebel im Nadelwald hängen bleibt und die Tage träumerisch sind. Immer wenn ich kann, freue ich mich auf einen Besuch im selben kleinen Hotel in der Nähe von Innsbruck mit vielleicht 40 Betten. Die Betreiberin hat den Betrieb vor einigen Jahren von ihren Eltern übernommen und ihn ausgebaut, ist von der alten Hotellerie-Schule, steht selbst noch jeden Tag an der Rezeption, um Gäste zu begrüßen und leitet abends den Service der Gastronomie.
Bei meinem ersten Besuch fiel mir auf, dass sie mich ab unserem Kennenlernen bereits mit Namen grüßte. Beim zweiten Besuch knüpfte sie an Gespräche an, die wir beim ersten Mal geführt hatten. Das macht sie wie selbstverständlich mit jedem Gast und schafft damit eine unverwechselbare Atmosphäre willkommen zu sein. Die Quote an Stammgästen ist unwahrscheinlich hoch.
Diese Kleinigkeiten könnte man ohne Leidenschaft nicht so authentisch umsetzen oder es würde viel Energie kosten. Bei Unternehmungen, die Beschaffenheit des Produktes überzeugen, halte ich das für entscheidend.
Going the long way
Den größten Unterschied zwischen Getriebenheit und Leidenschaft sehe ich in Bezug auf ihren Umgang mit Energieressourcen.
Getriebene Founder ziehen eine immense Energie aus ihren bestehenden Ressourcen, um das erlösende Ziel zu erreichen. Das hilft ihnen kurzfristig dabei, sich durch scheinbar unüberwindbare Hindernisse durchzukämpfen, sie kann jedoch keine Reserven auffüllen. Verzögert sich der Weg zum Ziel oder stellt man immer wieder fest, dass nicht dieses, sondern das nächste Ziel die Linderung bringt, man also von einem Kampfmodus in den nächsten kommt, dann wird das ewige Schöpfen aus begrenzten Ressourcen zur Gefahr. Im Gegensatz dazu generiert Leidenschaft aus dem Weg genauso Energie wie aus der Vorstellung, das Ziel zu erreichen. Das gibt leidenschaftlichen Foundern die Kraft, die Länge des Projektes durchzuhalten.
Kimberly Breuer, die ihre letzte Firma sehr erfolgreich verkauft hat, formulierte es im Founder Mode Podcast sehr treffend:
Die innere Härte bringt uns ein Stück weiter, aber nicht über eine lange Zeit.
Es geht also letztlich darum, die beiden Antriebe im richtigen Verhältnis zu kombinieren. Das ist eine fortlaufende Aufgabe, denn Leidenschaft ist ein fragiles Gut.
Wähle deinen Antrieb
Ich habe angefangen, diese Artikel zu schreiben, weil mir das Schreiben Spaß macht. Wie viele Menschen sie lesen, ist für mich nebensächlich, solange sie auch nur wenigen Menschen Mehrwert bieten. Das änderte sich nach meiner Rückkehr aus Australien vor wenigen Wochen. Ich hatte das Gefühl, "wieder da" zu sein, zurück aus dem Urlaub. Nun hatte es abzugehen. Ich trieb mich dazu an, wieder auf mehreren Plattformen zu posten, kontrollierte ständig die Analytics und war sauer auf mich, wenn ich meine Ziele nicht erreichte. Ich baute mir wieder harte Tagesstrukturen und zwang mich, zu festen Zeiten vor dem Bildschirm zu sitzen, um zu arbeiten. Zum Glück bemerkte ich schnell, wie das gegen meine aktuellen Werte verstieß, wie ich gehemmt wurde, auch nur ein einziges Wort zu schreiben, wie aus Freude Pflicht wurde. So ließ ich diese Phase wieder vorüberziehen; seitdem macht mir das Schreiben wieder Spaß.
Dabei ist es noch nicht einmal mein Ratschlag, Getriebenheit auf jeden Fall zu vermeiden. Ich weiß, dass ich durch sie besondere Kräfte freisetzen kann, wenn es darauf ankommt. Das bewahre mir das für die Situationen auf, wo es wichtig ist. Ein spontaner Pitch morgen und es ist nichts vorbereitet? Bekomme ich hin. Dennoch ist im Kern die Leidenschaft der langfristige Motor, der nicht erlöschen darf. Das erfordert, ein besseres Gefühl zu entwickeln, mit welchem Antrieb man gerade fährt, was einen intrinsisch motiviert und wann man sich von außen oder von der inneren Härte gedrängt fühlt.
Vermutlich war es genau das, was mich in Italien gezwickt hat. Rational machten die Geschäftsideen Sinn. Ich hätte die richtigen Strategien erarbeiten und durchpowern können. Der Kopf ratterte, aber es regte sich nichts in der Magengegend, wo ich sonst Gefühle wahrnehme. Dort war nur Leere. Ich wäre sofort ertappt gewesen, hätte mich jemand gefragt, "warum" ich das machen wollte. Meine einzige Antwort wäre gewesen "Weil es Sinn ergibt". Und heute weiß ich, dass ich damit allein nicht bis zum Ende durchhalte.