Der sinnlose Kampf gegen die Überforderung

Warum es keinen Sinn macht, gegen die unausweichliche Überforderung anzukämpfen und warum uns Scham von der wirtschaftlich richtigen Entscheidung abhält.

Der sinnlose Kampf gegen die Überforderung

Ich sitze morgens um zwei Uhr alleine im Büro und schaue YouTube Videos. Nur eine kurze Pause. Die Augen brennen, ich bin müde. Den Zeitpunkt, eine Pizza ins Büro zu bestellen, habe ich lange verpasst. Ein Blick durch das Fenster präsentiert mir die rabenschwarzen, leeren Straßen von Hamburg, meine Reflektion zeigt nichts außer tiefe Augenringe. Noch ein Video, sage ich zu mir. Dann habe ich wieder genug Energie, um mich der Sache zu widmen, die ich noch auf der ToDo Liste habe. Morgens der Wecker. Der Puls direkt oben. Ich muss pünktlich ins Büro, ich habe gestern natürlich nicht alles fertig bekommen. Mein Blick auf die gestrige Arbeit: Ich kann nicht nachvollziehen, was ich da zusammengeschustert habe.
Ich fühle mich verkatert. Ich verwende den Morgen damit, nicht-kritische Mails und Linkedin-Nachrichten zu beantworten. Es gibt mir das Gefühl, etwas abzuhaken. Die Sache von gestern werde ich heute Nachmittag machen, wenn ich wieder mehr Energie habe. Ich habe noch alle Zeit der Welt. Ab 18 Uhr habe ich keine Termine mehr, dann habe ich noch den ganzen Abend dafür Zeit. Es wird wieder eine kurze Nacht. Team-Mitglieder warten schon lange auf Freigaben. Ich nehme mir vor, sie am Wochenende in Ruhe durchzugehen. Meinen Freunden sage ich vorsorglich schonmal ab. Sonntag liege ich mit schlechtem Gewissen auf dem Sofa. Die Freigaben werde ich später machen müssen. Später entscheide ich mich doch dafür, endlich wieder die Wohnung ein wenig aufzuräumen. Die letzten Date-Nights musste ich verschieben. Ich bin stolz darauf, wie viel Schmerz ich aushalten kann. Ich bin stolz auf meinen Arbeits-Ethos.

Founder-Getriebenheit: Ein entzündlicher Cocktail

Ich kenne kaum einen Gründer, der sich nicht schon einmal in eine ähnliche Situation gebracht hat. Für die meisten, wie für mich auch, ist es ein regelmäßig wiederkehrender Zustand, dessen Eintritt nicht zu umgehen ist. Mich hat er nicht selten zu der Fragestellung gebracht, ob ich das alles überhaupt noch kann und möchte.

Die Dynamik dahinter ist sehr nachvollziehbar. Founder schleppen einen gefährlichen Cocktail mit sich mit. Im Vergleich zu den meisten Angestelltenverhältnissen ist es in der Selbstständigkeit in der Regel unmöglich, die ToDo-Liste vollständig abzuarbeiten. Man hat einen Weg gewählt, der ohne klare Vorgaben auskommen muss, in dem es keinen allgemein gültigen Benchmark zu erfüllen gilt. Hinzu kommen Selbstzweifel, notorische Unzufriedenheit mit dem Status quo, Verantwortlichkeitsgefühl und Versagensangst.
"Ein gutes Pferd springt so hoch wie es muss" sagt man. Ein Pferd, das nicht weiß wie hoch das Hindernis ist sondern nur, dass es unbedingt darüber kommen muss, wird jedes Mal so hoch springen wie es nur kann.

Das ist zu einem gewissen Grad auch völlig in Ordnung. Im gesunden Maß genutzt zieht man daraus die Energie, etwas nie Dagewesenes zu kreieren. Euphorische Leidenschaft für das Projekt oder gesund ehrgeizige Getriebenheit können aber schnell in Überforderung umschwenken, wie ich sie eingangs beschrieben habe. Diese Zustände sind es, die der Unternehmung und den Menschen dahinter schaden.

Überforderung, ein zu akzeptierender Begleiter

Es wäre fahrlässig anzunehmen, man könnte den Zustand der Überforderung für immer vermeiden. Sie ist kein Zeichen der Schwäche oder der mangelnden Eignung für das Projekt. Sie gehört zum Kreieren dazu.

Überforderung kommt und geht in Wellen. Zündende Auslöser sind gerne externe Schocks, die aus dem privaten Umfeld kommen können wie Stress in der Partnerschaft oder aus dem beruflichen wie eine nahende Deadline oder die Kündigung einer Mitarbeiterin. Meist ist es aber auch einfach die Summe kleiner "Schnitte", gepaart mit dem eigenen allgemeinen Wohlbefinden.

Vor meinem inneren Auge habe ich mir gerne ein energetisches Schutzschild vorgestellt wie aus Star Trek oder Dune. Im ausgeglichenen Zustand prallen die meisten Probleme, Sticheleien, Rückschläge ab. Aus verschiedenen Gründen können die Energie-Reserven schwinden. Das Schutzschild wird durchlässig und mich treffen Sachen, die mich ansonsten nicht beschäftigen würden, tief in den Kern. Dann merke ich, dass ich in eine Phase der Überforderung gerate.

Warum man sich durch Überforderungen nicht durchkämpfen kann

Wenn man in eine Phase der Überforderung gekommen ist, möchte man schnellstmöglich wieder heraus – wenn man sie sich überhaupt eingesteht. Die Scham vor der Überforderung ist mindestens so schädlich wie sie selbst. Man hat große Angst davor, das kollektive Bildnis einer Gründerin nicht zu erfüllen: hart, dickhäutig, kämpferisch.

Vermutlich kommt daher die erste Reaktion, "den Kopf runterzunehmen" und sich durchkämpfen zu wollen. Diese Haltung hilft vor allem dem Selbstwert. Man fühlt sich schlecht, überhaupt in eine Überforderung gekommen zu sein. Wenn man sich jetzt mit harter Arbeit geißelt, dann macht man das scheinbar wieder wett und zeigt sich und den anderen, wie stark und leidensfähig man ist. Ich bin regelmäßig in diese Falle getappt. Was sich innerlich gut anfühlt, sieht in der Realität meist anders aus und schadet mehr als dass es hilft.

Die Leichtigkeit, in der meistens die großen Fortschritte geschehen, weicht einer Verbissenheit. Der krampfhafte Versuch, der Lage Herr zu werden, vermindert die kreative Lösungsfindung und begünstigt Stagnation. Entscheidungen werden emotionaler. Ich neige in solchen Phasen zum Selbstbild, die Situation alleine lösen zu müssen, wodurch ich noch mehr an mich reiße, noch mehr zum Bottleneck werde und die Last erhöhe. Je länger der Kampf dauert, desto mehr andere Lebensbereiche verdrängt er, die einem üblicherweise Kraft geben. Date-Nights werden verschoben, Freundes-Treffen abgesagt, Sport eingestellt.

Mit abnehmender Energie versucht man, ein größer werdendes Problem zu lösen. Das geht auf Kosten der eigenen mentalen und körperlichen Gesundheit, des Umfeldes und nicht zuletzt der Firma bis man sich selbst nicht mehr erkennt und sich ernsthaft fragt, warum man das eigentlich alles macht.

Mein Überforderungs-Notfallplan

Ich lerne immer noch, mit meinen Überforderungs-Phasen richtig umzugehen. Um es mir zu vereinfachen, habe ich mir allerdings einen Notfallplan zurechtgelegt, den ich mit dir teilen möchte.

Wenn ich eine Überforderungsphase bei mir erkannt habe (was der schwierigste Part ist), versuche ich, nicht dagegen anzukämpfen, sondern sie zunächst einmal zu akzeptieren und ernst zu nehmen, bevor ich sie weiterziehen lassen kann.

Schritt 1: Reißleine ziehen

Ich lasse alles auf der Stelle stehen und liegen und mache Feierabend. Das fühlt sich erst einmal verboten an. Wenn man aber nicht gerade mit der Gesundheit oder dem Leben anderer Menschen arbeitet, ist nichts so wichtig, wie die eigene Einsatzbereitschaft wiederherzustellen.

Ich nehme mir so viel Zeit wie ich brauche. Diese fülle ich mit Sachen, bei denen ich herausgefunden habe, dass sie mir Energie geben und mein Nervensystem beruhigen. Für mich sind das Spaziergänge im Stadtpark ohne Musik oder Podcast, eine Runde kitesurfen zu gehen oder mich mit einer Zeitschrift oder einem Buch ins Café oder an die Alster zu setzen. Wenn ich mich später dazu in der Lage fühle, dann sind mir Zeit mit meiner Partnerin oder Freunden wichtig.

Schritt 2: To-Do-Liste halbieren

Ist das Nervensystem wieder reguliert, streiche ich rigoros meine ToDo-Liste zusammen. In der Regel kann man 50% der ToDos streichen, meist sogar blind. Für die meisten Menschen verkommt die ToDo-List zu einem Backlog des schlechten Gewissens. Diese eine Aufgabe, die man seit 3 Monaten mit sich mitschleppt? So wichtig kann sie nicht gewesen sein, weg damit. Das gibt mir das Gefühl, wieder Luft zum Atmen zu bekommen.

Schritt 2.5 (optional): Der Elefant im Raum

In seltenen Fällen ist der Auslöser der Überforderung eine spezifische Aufgabe, die man unbedingt und außerdem unbedingt selbst erledigen muss. Ich schreibe bewusst "in seltenen Fällen". Zu häufig ist man geneigt, eine solche Aufgabe fälschlicherweise zu erkennen. Ist der Anlass aber tatsächlich gegeben, dann gilt es (sobald man wieder fit dafür ist!) nichts außer dieser einen Aufgabe zu erledigen. Alle anderen Termine und Todos werden abgesagt, bis der Elefant aus dem Raum ist.

Schritt 3: Systeme schaffen

Überforderungen sind großartige Gelegenheiten, die eigenen Abläufe und Systeme weiterzuentwickeln. Ist die akute Überforderung weitergezogen, hilft eine Retrospektive. Wie kam es zu der Überforderung? Wie kann vermieden werden, dass sie sich aus demselben Grund wiederholt? Was habe ich durch das Ausmisten der ToDo-Liste gelernt? Welche Tasks kann ich zukünftig sein lassen oder delegieren? Was kann automatisiert werden?

Kein Versagen, sondern Rationalität

Weiterhin fällt es mir schwer, mein Selbstwertgefühl mit Überforderungen zu vereinen. Oft verleugne ich sie weiterhin, schäme mich für sie und akzeptiere sie zu spät.

Ich musste aber zum ehrlichen Schluss kommen, dass mir das Durchkämpfen-Wollen selten etwas gebracht hat. Wurde das Problem dadurch gelöst, musste ich mich danach unverhältnismäßig stark erholen (was ich natürlich auch ignoriert habe). In manchen Fällen musste letztendlich doch verspätet die Reißleine gezogen werden, wenn das Problem bereits größer geworden war.

Damit hat die Akzeptanz von Überforderungen nichts von Schwäche an sich. Es ist nicht der "weiche" Weg, sich von der Scham vor der eigenen Begrenztheit frei zu machen, sondern der einzige wirtschaftlich logische.

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