Was ich auf keinen Fall möchte

Wie ich auf der Suche nach meinem nächsten Projekt weniger nach dem "Was" sondern mehr nach dem "Wie" fragte.

"Was machst du eigentlich als nächstes?"

Fragte mich ein Gast auf einer Hochzeit in Süditalien. Er war mein Tischnachbar, hatte selbst ein Unternehmen gegründet, ein offenherziger Typ und wir verstanden uns gut. Ich hatte gerade berichtet, dass ich wenige Wochen vorher meine Firma verkauft hatte.

Die Monate zu diesem Tag hin waren unglaublich intensiv gewesen. Der Verkaufsprozess, das Gedankenkarussell, die ständige Ungewissheit, ob der Deal tatsächlich zustande kommt, fühlten sich an wie mehrere Sprints direkt hintereinander. Und ich hätte bereits nach dem ersten Sprint mal nach Luft schnappen sollen.

Dennoch war ich noch so im Lauf, dass ich mir einredete, nach einem kurzen Italien-Urlaub direkt das nächste Projekt zu starten. Auf dem Brenner-Pass nach Italien machte ich mir bereits Gedanken, welche Märkte sinnvoll wären. Als wir die Einfahrt zum Hotel hochfuhren, stellte ich mir vor, wie verschiedene Strategien aussehen könnten und wen ich dazu mal anrufen sollte.

Diese ganzen Überlegungen breitete ich also vor meinem Tischnachbarn aus. Und mit Erschrecken fiel mir auf, mit wie wenig Seele ich sie vortrug. Ich bemerkte zwei Sachen: dass ich gar keine Energie für etwas Neues habe und vor allem, dass ich auf meine überlegten Geschäftsideen gar keine Lust habe, auch wenn sie sinnvoll durchdacht waren.

Dieser Moment sollte für mich der Beginn eines Prozesses sein, den meine Freundin schon lange für mich vorhergesehen hatte.

Was mache ich auf gar keinen Fall?

Nach der Hochzeit kam die Krankheit, die mich immer überfällt, wenn nach langen stressigen Phasen wieder Ruhe einkehrt und das Adrenalin abfällt. Verschnupft schaute ich von unserem Hotelzimmer über Vieste auf die Adria, wo wir uns noch ein paar Tage Urlaub gebucht hatten. An guten Tagen schaffte ich es an den Strand. Ich hatte gar keine Energie mehr, mir darüber Gedanken zu machen, was sinnvoll wäre und was nicht.
Mein Blick schärfte sich aber für das, was mir Unwohlsein bereitete. Zunächst die krankheitsbedingten Wehwehchen in meinem Körper, später aber auch das Zwicken, das die "sinnvollen" Strategien und Geschäftsideen in mir bereiteten.

Ich merkte immer deutlicher, was ich nicht möchte und das war für mich eine so neue Erfahrung, dass ich beschloss, dem weiter nachzugehen.

“Tell me where I’m going to die, so I’ll never go there.”

Charlie Munger machte bereits in den vergangenen Jahrzehnten die Inversion populär und verbalisierte mit dem obigen Ausspruch das Gefühl, das mich verschnupft an der Adria ereilte.

Und so schrieb ich für mich auf, worauf ich gar keine Lust hatte:

  1. Vorgaben von anderen zu bekommen
  2. In einem Feld arbeiten, mit dem ich mich nicht identifizieren kann
  3. Zeitlich oder räumlich gebunden zu sein
  4. So durch ein Thema vereinnahmt zu sein, dass ich mich nichts anderem widmen kann
  5. Meine persönlichen Ziele meinen wirtschaftlichen Zielen unterzuordnen
  6. Von anderen abhängig zu sein oder andere von mir abhängig zu machen

Je klarer für mich wurde, was ich auf keinen Fall wollte, umso deutlicher wurde auch, was ich zu meiden hatte.

Zunächst einmal war der "Traum vom Unicorn" dahin. Eine Firma zu Milliardenbewertung aufzubauen, fordert unausweichlich einen Einsatz, den ich nicht bereit bin zu bringen. Der finanzielle Erfolg ist mir nicht mehr so wichtig, als dass ich ihn über meine anderen Ziele stellen würde. Keine Milliardenbewertung erreichen zu wollen, schließt wiederum Funding von VCs aus, die zumindest die Möglichkeit einer solchen Bewertung benötigen, um ihre Investmentstrategie zu verfolgen. Umgekehrt macht man sich als Gründer sehr abhängig von externen Investorinnen und wird häufig zum "Angestellten im eigenen Unternehmen", was ich ebenfalls vermeiden möchte. Neue Projekte müssen also aus ihrem eigenen Cashflow funktionieren, was ebenfalls seine Konsequenzen mit sich zieht. B2C-Produkte werden dadurch unwahrscheinlicher, B2B wahrscheinlicher. Dort können lange Entscheidungswege auf Kundenseite aber zu Abhängigkeiten führen, die ich vermeiden möchte. Dadurch muss es eine Kundengruppe sein, die ich direkt ansprechen kann und die selbst in der Lage ist, verbindliche und schnelle Freigaben zu erteilen....

Und so wurde die Suche nach den nächsten Projekten weniger begleitet von der Frage nach dem "Was", sondern mehr von der Frage nach dem "Wie".

Umgekehrte Inversion oder: "Was, wenns klappt?"

Wir optimieren häufig darauf, dass "es" klappt, dass "es" erfolgreich ist.

Was "es" eigentlich ist und ob wir überhaupt zufrieden sind, wenn wir es tatsächlich erreichen, beschäftigt uns meistens nicht ausreichend.

Ein befreundeter Gründer bekam die Möglichkeit, sein Geschäftsmodell auf B2B zu ändern. B2C App-Produkte sind herausfordernd, erfordern sehr viel Marktbearbeitung, meist hohes Funding und können genauso schnell wieder weg sein, wie sie gekommen sind. Er war gerade erst dabei, den konkreten B2C-Use-Case herauszufinden. Ein weiter Weg lag also noch vor ihm.
Nun bekam er die Gelegenheit, seine App ohne große Umbaumaßnahmen an Anwaltskanzleien mit sofortiger Zahlungsbereitschaft anzubieten.
Ich war sofort Feuer und Flamme, sah den Weg zum Erfolg. Sah, dass es deutlich einfacher klappen würde, als den B2C-Weg zu verfolgen. Wir arbeiteten gemeinsam eine Strategie aus, alles schien durchdacht. Bis er irgendwann darauf kam: Du Christian, wenn das klappt, dann wollen alle Anwaltskanzleien in Deutschland mit uns zusammenarbeiten. Ich kann mir aber keine schlimmere Kundengruppe für mich persönlich vorstellen. Ich habe dieses Projekt gestartet, weil ich Privatpersonen helfen möchte.

Diese Reflexion halte ich für bewundernswert. Ich würde von mir behaupten, dass ich die nicht immer habe.

How have I been complicit in creating the conditions I say I don't want?

gibt Jerry Colonna, CEO von Reboot und einer der angesehensten Executive Coaches, den Entscheiderinnen der wichtigsten Unternehmen als Frage auf. Sie sind ebenfalls nicht frei davon, Situationen zu kreieren, die sie nicht für sich wollen. Unsere Psyche ist sehr vielschichtig. Es ist sehr leicht, Sachen zu tun, von denen wir rational wissen, dass sie nicht unseren Interessen entsprechen. Beispiele können vielfältig sein:

Ich arbeite im ungesunden Maß, obwohl ich mehr abschalten wollte. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass ich mir nur dann Selbstwert zuschreiben kann, wenn ich erschöpft bin?

Ich verfolge ein Geschäftsmodell, von dem ich weiß, dass es mir keinen Spaß macht. Woran liegt das? Weil ich den schnellen Erfolg brauche, um Bestätigung zu fühlen?

Ich hänge viel am Handy, obwohl ich weiß, dass hoher Social-Media -Konsum mir schadet. Woran liegt das? Weil ich gerade kurzfristiges Dopamin brauche, um mich akuten Sorgen nicht zu stellen?

Zu reflektieren und hinterfragen ist daher so essenziell wichtig. Es ist nicht immer offensichtlich, warum wir so handeln wie wir es tun. Über die eigenen verborgenen Beweggründe im Klaren zu sein, ist ein wertvoller Prozess.

Inversion hilft mir langfristig, meine Wunschvorstellung zu schärfen

Mir fällt es schwer, immer zu wissen, was ich möchte. Häufig lasse ich mich gerne zu allem hinreißen, wenn nicht klar ersichtlich etwas dagegen spricht. Ich bin sehr gut und schnell darin auszuarbeiten, was sinnvoll ist und besitze die Fähigkeit, das dann durchzusetzen. Was ich aber wirklich will, das ist mir nicht immer bewusst.

Deshalb ist mir vermutlich auch diese private Erfahrung vor einigen Jahren so in Erinnerung geblieben. Unter der Kanaren-Sonne hatten wir am späten Nachmittag eine ausgelassene Zeit und bereiteten uns darauf vor, noch zu einer Feier in der Stadt zu fahren. Einer der Freunde sagte in aller Selbstverständlichkeit, dass er nicht mitkommen würde. Seine Begründung: "Ich habe mir heute vorgenommen ein wenig zu tanzen, ein wenig zu trinken und gute Gespräche zu führen. Das alles habe ich gerade gemacht, es gibt keinen Grund mehr für mich, den Abend zu verlängern."

Für mich damals eine ungewohnte Aussage. Wenn ich mit einer Option konfrontiert werde, dann sage ich meistens zu, wenn nichts offensichtlich dagegen spricht. Bin ich müde? Nein? Dann kann ich noch weiter gehen zu der Party. Möchte ich noch weiter gehen auf eine Party? Das kann ich nicht genau sagen. (Ob es jemals Sinn gemacht hat noch weiterzugehen, darüber möchte ich gar nicht nachdenken)

Einerseits bin ich sehr zufrieden mit dieser Eigenschaft. Selten sage ich Nein, wodurch ich sehr viele Sachen ausprobiere. Gleichzeitig wünsche ich mir, häufiger deutlich für mich bestimmen zu können, was meine Wunschvorstellung ist.

Auf dem Weg dahin hilft mir die Inversion. Selbstreflexion ist wie ein Muskel, den man trainieren kann. Wenn ich immer zuverlässiger und detaillierter feststellen kann, was ich nicht möchte, schärft sich das Bild dafür, was ich will. Dennoch in ungewollte Verhaltensweisen zu verfallen, ist ein normales Muster. Regelmäßig mit mir und meinen unterbewussten Motiven in Kontakt zu treten, hilft mir dagegen.

Ich stelle mir nun häufiger diese Fragen. Wenn du dich in meinem Text wiederfindest, dann helfen sie vielleicht auch dir:

  • Gibt es etwas, das ich auf gar keinen Fall für mich möchte?
  • Mache ich gerade etwas davon?
  • Wie würde es aussehen, wenn ich es unterlassen würde?
  • Wo bin ich selbst Komplize darin, etwas zu tun, von dem ich eigentlich sage, dass ich es nicht möchte?

Referenzen in diesem Artikel:

How have I been complicit in creating the conditions I say I don’t want? | Jerry Colonna (CEO of Reboot, executive coach, former VC)
Podcast-Folge · Lenny’s Podcast: Product | Career | Growth · 8. Mai 2025 · 1 Std. 23 Min.
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