How to Have a Life

Ich habe eine mehrmonatige Auszeit gemacht, habe mein Leben radikal umgestaltet, meine Firma verkauft, Arbeit gegen Strand eingetauscht und war immer noch unsicher, ob ich meine Zeit richtig nutze. 

Vielleicht hat mich das auch dazu bewogen, letztendlich doch dieses Buch zu kaufen, obwohl ich mich immer wieder dagegen sträubte. 

Ich wollte nicht „der Typ“ sein. Aber ich hatte offensichtlich Fragen und „How to Have a Life“, eine moderne Übersetzung der 2000 Jahre alten Seneca-Schrift De Brevitate Vitae versprach Antworten. 

Warum wir uns ständig der Zeitverschwendung verdächtigen

„Das Leben ist nicht zu kurz, es ist nur zu kurz, wenn wir es falsch nutzen“

Auf der Aussage basiert Seneca weite Teile seiner Schrift. Natürlich ist das eingängig. Haben wir uns sowieso nicht ständig im Verdacht, unsere Zeit falsch zu nutzen? 

Ich jedenfalls beobachtete meine Zustimmung beim Lesen; als Seneca ins Detail geht, nicke ich innerlich. Wer nach Reichtum strebt, hedonistischen Freuden hinterher jagt, wir sich von den Meinungen anderer abhängig macht oder andere von sich, der verschwendet sein Leben. Das musste ich hören. Immerhin habe ich gerade der Arbeitswelt den Rücken gekehrt und mit meinen 30ern die wilden Abende gegen Laufgruppen eingetauscht. 

Noch besser wird es, als er auch übermäßige Freizeit als zu vermeidendes Laster aufführt. Denn ja, ich hatte gerade erst meinen Schreibtisch gegen einen leeren Kalender eingetauscht. So richtig wohl fühlte ich mich damit aber offensichtlich nicht. Es tat gut, dass mir jemand die Erleichterung gab: meine Gefühle hatten Bestand und meine Angst vor Freizeit war berechtigt. 

Ratgeber fahren gut damit, uns zu sagen, womit wir keine Zeit verschwenden sollen, denn in der Regel springen wir gut darauf an. Wie häufig ist man der Meinung, dass man seine Zeit nicht verschwendet? Ein freier Samstag. Warum nicht Gartenarbeit? Gartenarbeit? Zahlt das überhaupt auf irgendwelche Ziele ein? Warum nicht Sport machen? Aber dafür meinen Freunden absagen? Gar nichts tun? Wie bitte?!

Doch so einfach es ist, seine aktuelle Tätigkeit als Zeitverschwendung zu bezeichnen, so schwierig ist es zu definieren, was denn nun die richtige Verwendung der eigenen Zeit ist. Ich habe häufig meine Schwierigkeiten damit. Und wie die meisten anderen Ratgeber verliert auch Seneca an dieser Stelle Momentum. 

Das Problem mit der Balance

„Wenn ich kein ‚Hell Yeah’ bei etwas empfinde, dann mache ich es nicht“ sagt Derek Sivers, den ich in weiten Teilen sehr schätze, in seinem Buch „How to Live“. Wieder starkes innerliches Nicken meinerseits beim ersten Durchlesen. Immerhin bin ich es wie jeder andere satt, Sachen zu tun, auf die ich keine Lust habe. Aber hatte ich ein „Hell Yeah“, als ich mit dem Joggen angefangen habe? Phasenweise habe ich es immer noch nicht. Ich liebe es, Unternehmen aufzubauen. Die Problemlösungskomponente macht mir daran Spaß. Hatte ich da bisher jederzeit ein „Hell Yeah“? Hatte ich ein „Hell Yeah“, als ich mit dem Rauchen aufgehört habe? Ist es realistisch, sein Leben ausschließlich mit „Hell Yeahs“ zu füllen?

Jeder von hat in mindestens einer Abwandlung das Zitat „Niemand sagt auf seinem Sterbebett ‚Hätte ich nur mehr gearbeitet‘“ gehört. Populär wurde es als Ratschlag eines Freundes von Minnesota-Senator Paul Tsongas, der diesen nach einer Krebs-Diagnose davon abhalten wollte, sich den Strapazen einer Wiederwahl auszusetzen. Tsongas zog sich damals zurück, um später nach einer erfolgreichen Remission wieder voll in die Politik einzusteigen. Was hat ihn dazu gebracht, zurückzukehren?

Xaver Lehmann berichtet von seiner innerlichen Reise seit seinem sehr erfolgreichen Exit. Ich folge seinen Beschreibungen gerne. Er beleuchtet das Phänomen, trotz lebensveränderndem finanziellen Erfolg innerlich leer zu sein. Wie es ist, doch wieder ein Projekt zu suchen, auch wenn man nicht „muss“. Er spricht offen darüber, dass er in seiner vorherigen Firma ein ungesundes Verhältnis zur Arbeit hatte. Dass er so nicht mehr arbeiten würde, ihn das aber auch in die Situation gebracht hat, in der er ist. Als er in einem Podcast gefragt wird, ob er Foundern raten würde, seinen neuen Arbeitsprinzipien zu folgen oder seinen alten, antwortet er sinngemäß, dass sich niemand überarbeiten sollte, es aber bei der ersten Firma kaum vermeidbar sei. Sind seine Erkenntnisse allgemeingültig?

Seneca nutzt Kaiser Augustus als Beispiel dafür, dass man nicht nach Erfolg oder Reichtum streben sollte. Dieser war so erfolgreich, dass ihm Gott-Status verliehen wurde. Dennoch klagte fortwährend, er wünsche sich nichts mehr als seinen Ruhestand. War er ein Zeitverschwender? 

Seneca folgte seinen eigenen Ratschlägen übrigens selbst nicht und arbeitete bis zu seinem (unfreiwilligen) Todestag in den höchsten Ämtern des Römischen Reiches. Macht ihn das zum Betrüger?

Diese Beispiele fallen in das Schema, das ich selbst spürte, als ich im Moment der absoluten zeitlichen Freiheit aus Unsicherheit zu diesem Buch griff. Was ist das für ein Gefühl der Zerrissenheit? Scheinbar wissen wir, wie wir unsere Zeit nicht verwenden dürfen. Warum schaffen wir es dann nicht, klar und allgemeingültig zu definieren, wie wir sie dann verwenden sollen?

Schießen auf ein bewegliches Ziel

Bei Work-Life-Balance Debatten stelle ich mir meistens eine altmodische Waage vor. Auf der einen Seite fällt „Arbeit“ ins Gewicht, das auf der anderen Seite mit dem Gegengewicht „Life“ ausgeglichen wird. So stellen es auch die meisten Ratgeber dar. Das ist aber schon Kern des Problems: denn offensichtlich ist die richtige Zeitverwendung kein statisches Gleichgewicht. 

Wir suchen allgemeingültige Lösungen für ein Problem, das sich fortlaufend verändert. Das frustriert, denn kaum haben wir für uns eine Lösung gefunden, ändern sich unsere Bedürfnisse und Umstände und wir müssen überdenken. 

Die Seneca-Lektüre hat mir vor allem aufgezeigt, dass ich in Bezug auf meine Zeitverwendung nie abschließend zufrieden sein werde. Immerhin ist das Problem innerhalb der vergangenen 2000 Jahre seit Senecas Veröffentlichung nicht abschließend gelöst worden. Ich versuche aber, diese Unzufriedenheit mehr zu akzeptieren und als natürlichen Bestandteil von mir anzuerkennen. 

Das bedeutet für mich nicht, dass ich sie ignoriere und meine Zeitverwendung nicht regelmäßig beobachte. Wo eindeutige Lösungen unrealistisch sind, ist Platz für grobe Frameworks. Und da liefert „How to Have a Life“ für mich, mich nicht allein auf die Zukunft zu fokussieren, denn sie ist ungewiss. Mich nicht allein auf die Gegenwart zu fokussieren, denn sie ist flüchtig. So zu handeln, dass ich mich gerne daran erinnere, denn so bleibt mir die Vergangenheit erhalten. 

Das makabre an unserer Zeitverwendung ist letztlich, dass uns erst im Ableben abschließend klar sein wird, ob wir mit ihr zufrieden sind. 

Referenzen

How to Have a Life: An Ancient Guide to Using Our Time Wisely (Ancient Wisdom for Modern Readers) : Romm, James S., Seneca: Amazon.de: Bücher
How to Have a Life: An Ancient Guide to Using Our Time Wisely (Ancient Wisdom for Modern Readers) : Romm, James S., Seneca: Amazon.de: Bücher
How to Live: 27 conflicting answers and one weird conclusion : Sivers, Derek: Amazon.de: Bücher
How to Live: 27 conflicting answers and one weird conclusion | Sivers, Derek | ISBN: 9781991152312 | Kostenloser Versand für alle Bücher mit Versand und Verkauf duch Amazon.