Das Zeitalter der Single-Founder
Lange Zeit galt es als Dealbreaker, ein Startup als einzelne Gründerin zu starten. Heutige Technologie wird immer mehr Menschen dazu verleiten, in einer Art Freelancing+, Solopreneurship oder ohne Co-Founder die unternehmerische Reise alleine anzutreten. Was hat sich geändert? Welchen Herausforderungen müssen sich Solopreneure stellen und was kann ihnen auf dem Weg helfen?
In einzelne Founder investieren wir kategorisch nicht
Vor einigen Jahren traf ich in einer Gruppe von befreundeten Foundern bei der Abendveranstaltung der Bits&Pretzels auf einen VC-Investor. Er stellte uns halb im Smalltalk, halb im Ernst der Reihe um die Frage, was wir machen würden. Fast alle von uns waren early stage Founder, manche von uns gerade aktiv dabei, eine Runde vorzubereiten. Die Dynamik, die sich in solchen Situationen verbreitet, fand ich schon immer ganz bemerkenswert. Wie die Gespräche in Pitches umschwenken, angetrieben von der Aufgeregtheit der jungen Founder – ständig in einen Kampf David gegen Goliath verwickelt – möglicherweise den befreienden Deal beim Bier in München zu sichern. Die Genugtuung, mit der die Investoren das Machtgefälle auszukosten scheinen und mit geschicktem heiß-kalt-Spiel weiter anzuheizen, selbst wenn der Fonds insgeheim gerade gar nicht investiert.
“B2C-Fintech und Solo-Founder machen wir aus Prinzip nicht. Viel Erfolg“
Das Urteil auf meine Vorstellung fiel schnell und eindeutig aus. Ich hatte glücklicherweise nicht danach gefragt, wir waren nicht auf der Suche nach Investoren. Dennoch blieb mir der Satz in Erinnerung. Einerseits, weil Ablehnung immer weh tut. Andererseits, weil ich miterleben durfte, wie sich das Mantra der Branche über Zeit gewandelt hat.
Who‘s going to be the First One-Person-Unicorn?
Die Lage für Solo-Founder ändert sich aktuell rasant. AI schafft Effizienzpotenziale, die vor ein paar Jahren noch nicht denkbar gewesen wären. Außerdem baut sie fachliche Burggräben ab. Früher hat ein WHU-BWL-Absolvent mit einer Idee und Geschäftswillen immer noch den Zugang zur Umsetzung gebraucht. Sprich: mindestens einen technischen Co-Founder und Kapital für Entwicklungsressourcen. Heute scheitern Menschen mit einer Produktidee seltener daran, niemanden zu haben, der sie für einen umsetzt. Wordpress hat damals ermutigt, auf eigene Faust den Traum von der Website zu erfüllen. Shopify hat Menschen den E-Commerce-Bereich zugänglich gemacht. AI schafft ein ähnliches Momentum nun in der Entwicklung digitaler Produkte.
Ich gehe davon aus, dass wir in naher Zukunft einen deutlichen Anstieg an Solopreneuren und einzelnen Gründerinnen bemerken werden. Dazu zähle ich auch Freelancer+, also Ein-Personen-Unternehmen, die nicht nur zuarbeiten, sondern Produkte oder Dienstleistungsfunktionen zur Verfügung stellen. Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt werden das begünstigen. Im „professionellen“ Bereich, wo es um IPOs und Fundings geht, wird das Alleine-Gründen ebenfalls entstigmatisiert. Statt Solo-Foundern von vornherein die Machbarkeit abzusprechen, wird nun immer häufiger die Frage gestellt, wann wohl die erste Person alleine eine Milliardenbewertung erzielt.
Die Herausforderungen des einzelnen Musketiers?
Ich habe Firmen als Mitglied der Geschäftsleitung aufgebaut, bevor ich meine erste eigene Firma alleine gegründet habe. Der Grund für meinen alleinigen Start war aus der damaligen Situation geboren: ich habe aus einem Company Builder heraus gegründet, der die Mehrheit der Anteile gehalten hat. Das schränkte die Möglichkeiten für Co-Founder-Equity (und weitere VC-Investments) ein. Für mich hat sich das Solo-Founden als ein wunderbares Setup herausgestellt, das ich auch wieder so machen und anderen dazu raten würde. Ich genieße es sehr, frei entscheiden und eine direkte Wirkung erzielen zu können. Trotzdem haben viele Menschen berechtigterweise davor Angst. Letztens bekam ich Gelegenheit zu reflektieren, welche Herausforderungen sich mir in den Jahren ergeben haben und wie ich damit umgegangen bin.

Einsamkeit
Für mich die größte Herausforderung. Als alleiniger Gründer ist man absolut auf sich alleine gestellt und zu spüren bekommt man das vor allem abseits des Offensichtlichen. Zum Gründen gehört es unweigerlich dazu, hartem Wellengang ausgesetzt zu sein. Jeder fühlt sich berechtigt, über einen zu urteilen. Sachen laufen nicht so, wie sie geplant waren. Das trifft auf Solopreneure genauso zu wie auf alle anderen Gründerinnen auch. Der Unterschied: als Solopreneur hat man keinen Safe-Space, seinem Frust auch mal unprofessionell Ausdruck zu verschaffen. Nach einem ätzenden Kundengespräch einfach mal die „Corporate-Nervensäge“ gemeinsam nachzuäffen. Sich gemeinsam zu versichern, wie ungerecht alles ist; wie bodenlos, dass der Wettbewerber die größere Finanzierungsrunde abgeschlossen hat, obwohl das eigene Produkt selbstverständlich besser ist – und dann abreagiert einen Haken dahinter zu setzen und professionell weiterzuarbeiten.
Zu wem möchte man als Solo-Founder gehen? Das Team verpestet und verunsichert man in solchen Situationen. Immerhin gibt es keinen inhaltlichen Punkt zu besprechen, sondern ein subjektives Gefühl zu regulieren. Partnerschaften möchte man langfristig nicht damit belasten. Freunde stecken nicht genug mit drin.
Genauso einsam kann man sich in positiven Momenten fühlen. Eine Freundin sagte mir mal, sie würde als Single nicht in den Urlaub fahren, weil für sie Erfahrungen und Erinnerungen nur dann besonders wertvoll sind, wenn sie sie mit anderen teilen kann. Zu gründen ist eine der außergewöhnlichsten Erfahrungen, die man im Arbeitskontext haben kann. Manchmal habe ich andere Gründerteams beneidet, die gemeinsam auf ihre Erfolge zurückblicken konnten.
Trotzdem ist man als Solo-Founder natürlich nicht alleine. Im Erfolg nicht, den man meist der Zusammenarbeit mit anderen Menschen zu verdanken hat und im Leid genauso wenig. Man muss sich aber bewusst ein Hilfsnetzwerk aufbauen, sei es eine „Kummer-Hotline“ mit anderen Foundern, ein Coaching, eine Therapie oder feste „Venting“-Zeiten mit dem Partner.
Selbstsicherheit
Menschen haben einen Hang dazu, Angst vor schlechten Entscheidungen zu haben. Leider ist es unvermeidbar, in einer Vielzahl von Entscheidungen falsch zu liegen. Unsere Trefferquote liegt nicht bei knapp unter 100%, wie wir manchmal annehmen. Überwiegend richtig zu entscheiden mit wenigen Fehlern als Ausnahme würde uns allen mit Sport- und Aktienwetten ein sorgenloses Leben bescheren. Realistisch liegt sie im Schnitt eher bei knapp über 50%. Das bedeutet, dass der Münzwurf manchmal bessere Entscheidungsergebnisse erzielt als wir. Wir müssen also damit klar kommen, regelmäßig falsch zu liegen.
Gerade bei Foundern trifft das einen wunden Punkt, in kaum einem anderen Berufszweig hört man den Begriff Imposter-Syndrom häufiger. Wenn sich Founder schon unsicher sind, ob sie die richtigen für den Job sind, sind Fehlentscheidungen ein brennendes Eisen in der Selbstsicherheit. Solo-Founder trifft das besonders hart. Sie müssen die meisten Entscheidungen alleine fällen und fühlen sich somit vollständig für sie verantwortlich. Sie haben niemanden, der ihnen Entscheidungen abnimmt, sie teilt oder sie auf Augenhöhe aufbaut, falls etwas schief geht.
Annie Duke hat ein Buch geschrieben, das mir viel Gelassenheit verschafft hat. In „Thinking in Bets“ rät sie dazu, Entscheidungen nicht nach ihrem Outcome, sondern nach der Qualität der Entscheidungsfindung zu bewerten. Eine Lottogewinnerin würde wohl immer sagen, dass das Lottospiel die beste Entscheidung ihres Lebens war, obwohl es für die meisten statistisch aussichtslos ist. Ein Flugzeug kann abstürzen, auch wenn es mitunter das sicherste Reisemittel ist. Mich vom Ergebnis frei zu machen hat mir zwar keine Frustration erspart, aber meine Resilienz gestärkt.
Wenn ich mich auf den Entscheidungsprozess konzentriert habe, konnte ich anderen und vor allem mir selbst immer nachvollziehbar aufzeigen, dass ich gut darin bin, die richtigen Entscheidungen zu fällen, auch wenn sie vielleicht nicht immer die „guten“ sind.
Fokus
Fast jeder Startup-Ratgeber legt berechtigterweise großen Wert darauf, Fokus als essenzielles Prinzip zu vermitteln. Startups haben begrenzte Ressourcen, die sie nicht im Noise verschwenden dürfen. Für Solo-Founder kommt noch eine weitere Komponente hinzu: sie können ihren Fokus immer nur auf ein Thema zur gleichen Zeit richten. Alle anderen Themen müssen in dieser Zeit ohne Founder-Aufmerksamkeit klarkommen. Im schlimmsten Fall bedeutet das Stillstand in allen Bereichen, in denen der Founder gerade nicht zugegen ist. Das brennt einerseits den Founder aus, der das Gefühl hat, überall ständig sein zu müssen. Andererseits verlangsamt es das Firmenwachstum massiv, da Prozesse sequenziell und nicht parallel werden.
Entsprechend wichtig sind die Menschen, die an dem Projekt mitarbeiten. Sie müssen sich noch wichtiger als in anderen Startups durch eine sehr hohe Ownership auszeichnen. Founder müssen eine Arbeits- und Führungskultur etablieren, die das fördert. Für mich war das nicht immer leicht. Als alleiniger Gründer lernt man, die alleinige Verantwortung zu tragen. Das führte bei mir häufig dazu, dass ich in Krisenzeiten Themen an mich gerissen habe anstatt sie zu delegieren. Dadurch wurde ich mit meinen begrenzten Ressourcen zum Bottleneck und habe erst recht das Tempo gebremst. Man muss als Solo-Founder sehr klar darüber sein, welche Themen „Founder-Fokus“ benötigen. Alle anderen sind professionell und verantwortungsvoll zu übergeben, wenn sie wichtig sind. Wenn sie unwichtig sind und keine Founder-Aufmerksamkeit erfordern, sind sie zu automatisieren oder zu streichen. Ich habe für mich einen regelmäßigen Fokus-Audit eingeführt, in dem ich reflektiere, ob ich mich tatsächlich nur mit Themen beschäftige, die meine Aufmerksamkeit zwingend erfordern und wichtig sind.
Context Switching
Sich als Solo-Founder zu vielen Themen zu widmen führt unumgänglich auch dazu, ständig zwischen Themen wechseln zu müssen. Unterbewusst betrügen wir uns beim Themenwechsel selbst, indem wir nur auf die Arbeitszeit pro Aufgabe achten und uns deshalb zu viel aufladen. Natürlich kann ich diese Anfrage noch schnell beantworten oder diesen Social Media Post freigeben, dauert ja alles nicht lange und muss ja sein, damit es weitergeht.
Was selten bewusst wahrgenommen wird, sind die damit verbundenen Rüstkosten. Das schließt die Zeit ein, die benötigt wird, um sich in die neue Aufgabe einzuarbeiten. Möchte man ein Loch in eine Platte bohren, ist nur das Arbeitszeit, solange sich der Bohrkopf durch die Platte bewegt. Den Bohrer aus dem Keller zu holen, die Akkus zu checken und vielleicht noch aufzuladen, die Abmessungen nochmal zu checken, den Bohraufsatz einzuspannen und an die Platte zu führen, übersteigt die tatsächliche Arbeitszeit um ein Vielfaches.
Das Beispiel lässt sich auf jede andere Art der Arbeit übertragen. Abgesehen von der verschwendeten Zeit zieht es unwahrscheinlich viel Energie, erst die Buchhaltung freizugeben, dann ein Kundengespräch zu führen, eine Wettbewerbsanalyse zu erstellen, die Presseanfrage zu beantworten und sich dann über die Hiring-Strategie Gedanken zu machen unterbrochen von 15 Slack-Nachrichten mit Bitten um „kurzes Feedback und Freigabe“.
Damit habe ich bis zuletzt meine Probleme gehabt, auch wenn ich zumindest Lösungsansätze für mich gefunden habe. Immens wichtig ist es, wie unter „Fokus“ beschrieben, die Auswahl der eigenen Themen massiv einzugrenzen. Im Umgang mit Aufgaben muss man lernen, radikal zu delegieren. Andrew Wilkinson hat es so beschrieben, dass er versucht „Teflon für Aufgaben“ zu werden. Wenn möglich, ist es hilfreich, Aufgaben mit ähnlichem Themengebiet zeitlich zu bündeln. Das kann man mit Blockern im Kalender unterstreichen. Für mich bröckelt das System allerdings immer dann, wenn ich unter zu viel Stress gerate.
Nie zu viel Puls bekommen
Die Zeit für Solo-Founder ist gut. Technisch und fachlich kommt man alleine weiter als jemals zuvor. Herausforderungen liegen vor allem im emotionalen Bereich. Wer sich diesen aber bewusst ist, kann sie mit Hilfsmitteln bewältigen. Besonders werden diese aber in stressigen Situationen auf die Probe gestellt. Hier offenbart sich die größte Schwachstelle des Solo-Founders: wenn man selbst bröckelt, gerät das gesamte Unternehmenskonstrukt unwiederbringlich in Gefahr.
Für mich ist daher alleine zu Gründen in der Grundstruktur fundamental anders als das Gründen im Team. Bei der Tour-de-France fällt auf, dass die Radrenn-Teams in der Gruppe fahren, um an geeigneter Stelle Ausreißer auszusondern, die nach Etappensieg wieder von der Gruppe eingeholt und aufgenommen werden, bis ein anderer Ausreißer seine Chance erhält. Beim Solopreneurship gibt es niemanden, der einen im Windschatten weiterfahren lässt bis man wieder zu Kräften gekommen ist. Umso wichtiger ist es, auf sein Pacing zu achten. Zu schauen, dass man immer halbwegs in der Balance ist und die eigenen Unterstützungsnetzwerke aktiv sind. Dabei ist man im ständigen Kampf gegen das allgegenwärtige Gefühl, für alles verantwortlich zu sein. Sollte man das allerdings reguliert bekommen und wollen, ist das einzelne Gründen eine sehr befreiende und belohnende Erfahrung.